©2018 by Finn geht weltwärts - nach Gambia. Proudly created with Wix.com

Interkulturelle Aspekte - was ist das?

December 12, 2018

Vor kurzem hatten wir ein Treffen auf Benna Kunda, dem Vereinsgelände von VolNet Gambia, mit den Gastfamilien und Einsatzstellen von uns Freiwilligen. Geleitet wurde das ganze von Ousman Ceesay, der bei VolNet Gambia für die Aktivitäten zuständig ist.

Es ging bei dem Treffen darum, einen Austausch untereinander zu haben und gleichzeitig über verschiedene Aspekte eines Freiwilligendienstes zu diskutieren. So haben wir den ganzen Samstag über verschiedene interkulturelle Aspekte gesprochen. 

Das sind - um es in einfachen Worten zu beschreiben - Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen.  

Konkret ging es um die Sprache, Verhaltensweisen während einer Mahlzeit, der typische Lebensstil (täglicher Tagesplan, sofern es denn einen gibt, und welche Kleidung man trägt), Verhalten in der Gesellschaft und Vorurteile über Afrika und Europa. 

Bei letzterem lag der Fokus, wie bei allen Themen natürlich auf Deutschland und Gambia. 

Im Folgenden erläutere ich diese Aspekte mal etwas detaillierter:

 

SPRACHE: Wichtig ist natürlich die gesprochene Sprache. Dazu zählt, dass wir neben unseren guten Englischkenntnissen, ohne die hier garantiert nichts möglich wäre, auch Kenntnisse in der regionalen Sprache lernen. In der Mehrheit wird in der Region um Gunjur Mandinka gesprochen. In meiner Gastfamilie wird zum Beispiel eine andere Regionalsprache - Serre - gesprochen. Das hat damit zu tun, dass es drei größere Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen Sprachen gibt. Die dritte bedeutende Regionalsprache ist Wolof. Diese wird zum Beispiel im Großraum Serekunda 20 km nördlich von Gunjur von der Mehrheit gesprochen.

Ich lerne - so gut es geht - Serre und Mandinka, wobei ich schon froh bin, wenn ich einen ganzen Satz unfallfrei bilden kann. 

Neben der gesprochen Sprache ist die Körpersprache, also die Art und Weise wie man auftritt, sehr wichtig. Durch falsche Mimik, Gestik und Zeichen (z.B. Handbewegungen) kann die Nachricht, die dem Gegenüber erreichen soll, schnell falsch verstanden werden. 

 

MANIEREN BEI DER MAHLZEIT: Hier ist es üblich, dass alle aus einer großen Schüssel essen. Bei mir in der Gastfamilie ist es meist so, dass wir mit Löffel essen, wobei es nicht unüblich ist, auch mit der Hand zu essen. Wichtig ist - egal womit man isst - dass dies mit der rechten Hand gemacht wird. Für mich ist es sehr gewöhnungsbedürftig gewesen, Reis mit der Hand zu essen. Denn Reis gibt es fast jeden Tag, genau wie Fisch. 

Auch ist es unangebracht, während des Essens zu reden oder den Fisch oder das Fleisch (meist Hähnchen) zu berühren, bis der/die älteste es aufgeteilt hat. 

Genau wie in Deutschland ist es üblich, dass mit dem Essen angefangen wird, wenn alle an der Schüssel bzw. am Tisch sitzen.

(das hier ist jetzt nix mit Reis, sondern Ebbe, ein leckeres, würziges Gericht, das vielleicht mit Gulasch ohne Fleisch vergleichbar ist) 

 

Auch beim Trinken gibt es Manieren. Hier wird an fast jeder Ecke ein teeähnliches Getränk namens Ataya gekocht. Es ähnelt aber irgendwie auch einem Espresso. Wenn der Ataya fertig gekocht ist, ist es ganz wichtig, dass der älteste in der Runde das erste Glas bekommt oder bestimmt, wer es bekommt. 

DER LEBENSSTIL: Ich gehe zunächst mal auf die KLEIDUNG ein mit einem Beispiel aus der Schule. Die Schülerinnen und Schüler müssen alle Schuluniform tragen (ein weißes oder blaues oder grünes Hemd mit blauer oder grauer Hose). Den Lehrern (und mir) ist selbst überlassen, wie sie sich kleiden. Es ist aber eine ungeschriebene Regel, eine lange Hose zu tragen, egal wie warm es ist. Ein Lehrer in kurzer Hose würde wohl weniger Autorität ausstrahlen. 

Einige Lehrer kommen hin und wieder mal in einem traditionellen Gewand zur Schule.

Leute mit traditioneller Kleidung sehe ich aber auch oft auf der Straße; ich selbst habe mir ziemlich zu Anfang auch eins fertigen lassen und trage dies meist, wenn ich zu einer Naming Ceremony (das ist ein Fest eine Woche nach der Geburt eines Kindes und vergleichbar mit der Taufe, wenngleich es einige Unterschiede gibt, die ich ein anderes Mal näher erläutern werde) gehe. 

 

Zum Lebensstil gehört dann noch der TÄGLICHE TAGESABLAUF, der hier nicht ganz so eng getaktet ist, wie in Deutschland. Für mich beginnt der Tag meist um sieben Uhr, ich helfe in meiner Gastfamilie dann zum Beispiel beim Blumen Gießen und gehe um kurz vor acht in die nahe gelegene Schule. Auf dem Weg komme ich an einem kleinen Shop (vergleichbar mit den kleinen Buden, die es früher z. B. auch mal in Schermbeck an einigen Ecken gab) vorbei und kaufe mir zum Frühstück ein Tapalapa mit Schokoladencreme. Tapalapa ist ein Baguette-ähnliches Brot, wie auf dem Foto zu sehen ist. 

Anschließend bin ich in der Schule. Dort schreibe ich mittlerweile Texte an die Tafel und erkläre diese auch. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit klappt das mittlerweile ganz gut. Ebenso berichtige ich auch mal Tests. 

(das bin ich in der Schule, während ich ein Thema erkläre.) 

 

Nach der Rückkehr aus der Schule esse ich zusammen mit meinen Gastgeschwistern meist gegen drei Uhr nachmittags Mittagessen. Anders als in den anderen Gastfamilien wird das Essen dort nicht zuhause gekocht, sondern bei der Großmutter, die etwa einen halben Kilometer entfernt wohnt. Ich hole dieses dann manchmal mit einen meiner Gastbrüder ab. 

Meist gibt es - wie oben bereits erwähnt - etwas mit Reis und Fisch. Das Essen ist stärker gewürzt als ich es bisher kannte. 

 

Danach bleibt Zeit für andere Aktivitäten. 

Mittwochs bin ich zum Beispiel mit den anderen Freiwilligen bei einer von VolNet unterstützten Drama Movie Group. Im Moment wird dort für den nächsten Film geübt, in dem wir eventuell auch eine kleine Rolle spielen könnten. Es macht dort immer wieder sehr viel Spaß. 

Ansonsten bin ich öfters in Brikama, am Strand (wenn es nicht zu heiß ist) oder bereite etwas für den Unterricht vor. 

(Die Sonnenuntergänge gucke ich mir immer wieder gerne am Strand an) 

 

Gegen Abend sitzen wir in der Familie oft zusammen, quatschen viel, haben Spaß, essen Erdnüsse und Abendessen. 

 

Wichtig ist, dass wir uns alle in die hiesige Gesellschaft integrieren und gewisse Dinge akzeptieren beziehungsweise uns anpassen. Eine Sache ist zum Beispiel, dass hier die Tagesplanung allgemein offener gestaltet ist als in Europa. Es werden manchmal alle Dinge stehen und liegen gelassen, wenn jemand bei etwas Hilfe benötigt. 

Pünktlichkeit wird hier in Gambia ein bisschen anders definiert als in Deutschland. Würde ich dafür keine Toleranz aufbringen können, wäre ich vermutlich schon nicht mehr hier. ;) 

Weiterhin ist es üblich, zu grüßen, wenn einem jemand entgegen kommt (Die Grußformeln in Mandinka habe ich immerhin drauf).

 

VORURTEILE:

 

Ich ordne diese für euch unter anderem anhand meiner bisherigen eigenen Erfahrungen durch Gespräche, Erlebnisse etc. hier ein wenig ein. Das heißt also auch, dass es nicht zwangsläufig überall hier so aussieht oder abläuft, wie ich es beschreibe. Es ist wichtig, dies im Hinterkopf zu haben, wenn ihr insbesondere die folgenden Absätze mit den Vorurteilen lest! Ich werde mich mit diesen Themen aber ein anderes Mal nochmals tiefgehender beschäftigen! 

 

Vorurteile über Gambia (und Afrika):

 

dass Afrika ein großes Land sei -> Afrika ist ein Kontinent mit 54 Staaten (Gambia ist dabei der kleinste Flächenstaar Afrikas). 

 

dass jeder nach Europa kommen wolle -> eines der meist diskutierten und kontroversisten Themen hier! Es ist nach meiner Einschätzung aus Gesprächen allerdings nicht so, dass jeder nach Europa kommen möchte, da ich schon einige Leute getroffen habe, die von ihren Freunden aus Europa gehört haben, dass es eher schwierig ist, Arbeit zu finden. Dazu gibt es auch  viele, die überhaupt gar nicht von hier weg möchten. Mit dem Thema Migration beschäftige ich mich in einem Blogeintrag auch noch mal intensiver. 

 

dass die Menschen hier aggressiv seien -> im Gegenteil! Gambia ist als Smiling Coast bekannt und der allergrößte Teil der Leute ist bisher sehr nett. Wie überall gibt es auch hier natürlich einige, die einem nicht gerade nett begegnen. Aber auch aus Deutschland ist wahrscheinlich jedem bekannt, dass es dort nicht nur nette und wohlbesonnene Leute gibt. 

 

dass Gambia ein Urlaubsparadies sei -> das stimmt (zumindest meiner Meinung nach)! Die Strände - besonders im Senegambia-Gebiet, aber auch zum großen Teil hier in Gunjur - sind schon ein Traum. Dieses Gebiet ist 20 km nördlich von Gunjur und sieht für mich zumindest wie eine andere Welt aus.  Auch dazu werde ich in einem weiteren Blogeintrag näher drauf eingehen, warum ich dieser Meinung bin. Dazu ist die Natur wunderschön. Aber jeder definiert "Urlaubsparadies" wahrscheinlich unterschiedlich... 

So sieht ein Strand im Senegambia-Gebiet aus. 

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Strände durch angeschwommenen Plastikmüll oder andere Dinge, die im Atlantik schwimmen, zum Teil vermüllt sind. Das ist  in Gunjur zum Beispiel der Fall.

Das Foto ist auf dem Feld von meiner Gastfamilie entstanden. 

 

Auch auf einige Wahrnehmungen der Leute von hier über Weiße bzw. Deutschland gehe ich ein. 

 

Weiße tragen dreckige Schuhe und Kleidung -> kann ich zumindest für uns Freiwillige jetzt nicht bestätigen. Ich muss dazu aber erwähnen, dass der Boden hier bedingt durch die vielen Sandstraßen sehr sandig und unbefestigt ist. Besonders in der Regenzeit war es eine große Herausforderung, ohne nasse Füße durch die teils überschwemmten Straßen zu kommen. Vielleicht hat das nicht jeder geschafft... ;) 

 

Weiße sind reich -> tatsächlich schwierig zu bewerten! Allerdings kennen viele Leute hier meist nur weiße Touristen, die es sich leisten können, die nicht gerade günstige Reise nach Gambia auf sich zu nehmen. Dazu kommt noch, dass Gambia eines der ärmsten Länder der Welt ist und es so eine andere Definition und Sichtweise gibt, was es bedeutet, reich zu sein. 

 

Weiße können Englisch sprechen -> Ich denke, dass die Mehrheit  mittlerweile die englische Sprache beherrscht, was für Touristen, die nach Gambia reisen, besonders gilt. Dazu kommt noch, dass die Mehrheit der Touristen in Gambia  aus Großbritannien und den Benelux-Staaten kommt und so diese Wahrnehmung entsteht. 

 

Weiße praktizieren Monogamy -> Monogamy bedeutet, dass es für einen Mann möglich ist, mit einer Frau gleichzeitig verheiratet zu sein. In Gambia ist es für einen Mann möglich, mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein. Das ist unter anderem damit zu begründen, dass die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch geprägt ist. 

 

Daneben gab es noch einige individuelle Vorurteile wie zum Beispiel, dass Deutschland (insbesondere Frankfurt) große Flughäfen habe, sehr schnelle Zugverbindungen und dass es ein großes Land sei. Dinge, die man von Gambia freilich nicht behaupten kann, da es gerade mal die Größe von Hessen hat und nur über einen einzigen Flughafen in Yundum in der Nähe von Banjul verfügt. Dieser ist mit einem Terminal dazu noch recht klein, verfügt aber immerhin über die drittlängste Start- und Landebahn Afrikas. Dies ist damit zu begründen, dass diese 3,6 km lange Bahn seit 1987 als transatlantische Notlandestelle  für Space Shuttle der NASA gedient hat. Eine Eisenbahn gibt es in Gambia gar nicht. 

 

Ebenfalls haben wir über ERWARTUNGEN AN UND VON FREIWILLIGE(N) aus unterschiedlichen Perspektiven gesprochen. Allgemein wird erwartet, dass man sich in die neue Umgebung integriert und interagiert und zumindest versucht, eine Regionalsprache zu lernen. Die Einsatzstellen erhoffen sich zum Beispiel neue kreative Impulse und Know-how und erwarten gute Sprachkenntnisse in der englischen Sprache und dass man sich aktiv einbringt. In den Gastfamilien kommt es allgemein gut an, wenn man bei dem Haushalt Mithilfe (z.B. Wäsche waschen, fegen, Gießen etc.). 

Wir, die Freiwilligen, freuen uns, wenn wir etwa willkommen sind, in unserem Tun unterstützt werden und es Möglichkeiten gibt, unsere Ideen zu realisieren.  

Ich bin sowohl an meiner Schule als auch in meiner Gastfamilie sehr glücklich und zufrieden. 

 

Am Sonntag waren drei Referenten auf Benna Kunda zu Gast, die sich schwerpunktmäßig mit die verschiedenen Formen der Kommunikation beschäftigt haben. Diese ist für das interkulturelle Verständnis auch wichtig. 

 

 So ist nicht nur die verbale (das gesprochene und geschriebene Wort), sondern auch die non-verbale (Gestik, Mimik, Körpersprache) Kommunikation sehr wichtig. Beides haben wir in kleinen Spielen festgestellt. Bei Stille Post ist am Ende genau das Gegenteil rausgekommen als das, was am Anfang gesagt wurde. Dies sollte verdeutlichen, dass, wenn sich etwas herumspricht, Wörter keine Grenzen haben und man meist keinen Einfluss darauf hat, was weitererzählt wird . Ebenso kann sich der Sinn dessen, was man eigentlich meint, etwa durch Übersetzungen, komplett ändern. 

Daher ist eine richtige und klare Kommunikation sehr wichtig. 

Insbesondere bei Konflikten, die schneller auftreten können, als man es erwartet, ist Kommunikation elementar wichtig. 

 

Insgesamt war es doch sehr hilfreich, mal über all diese Punkte zu diskutieren. Ich habe jedenfalls viel mitgenommen, um meine bisherigen Erfahrungen richtig einordnen zu können. 

 

Im folgenden habe ich noch einen Artikel angehängt, den ich für die hiesige Zeitung geschrieben habe:

 

Meeting at Benna-Kunda with VolNet-Partner

GUNJUR. Last weekend, on 24th and 25th November 2018, the Volunteering Network Organization (VolNet) Gambia e.V. has held a meeting with the partner schools and host families.  

The invited participants are involved in the volunteer service of the three current volunteers Lisa, Marieke  and Finn from Germany. Furthermore some members  

of VolNet Gambia took part of that meeting, which was led by Ousman Ceesay, activity coordinator of VolNet Gambia.  

 

The participants discussed animatedly on Saturday on different intercultural aspects. Amongst other things they debated in two groups about language, food manners, lifestyle (daily routine, dresscode) and behavior in the community. Also stereotypes of Europe (especially Germany) and Africa (especially the Gambia) were part of the debate. In order to have a good debate, VolNet provided for breakfast and lunch.

 

On Sunday the groups presented their results from the day before to the audience. Three guests took part of the meeting on Sunday. Yunusa Jallow, Santang Dumbuya and Fatou Secka included the participants the different types of communication. For their presentation they used various methods, to explain the use of verbal and non-verbal communication. The participants determined that the correct communication with spoken and written language as well as with signs and body language is very important to interact with the local community. 

 

Everyone had a lot of fun to understand the usefulness of non-verbal communication while a game, in which the participants had to puzzle a circle with 12 different parts. The obstacle was that all  parts were mixed into the three groups and no one was allowed to talk and to use other forms of  verbal communication. A very complicated task, which was to solve in seven minutes. 

As well conflicts and ways to solve conflicts and crisis were topic of that meeting. In the daily life the volunteers have more conflicts, than one could expect, because for example the so-called  unwritten rules are different in Germany than in the Gambia. 

The two-day meeting ended for all of them with a smile in their face, because they learned a lot about intercultural aspects and had a lot of fun while the whole weekend. 

(author: Finn Jungenkrüger)

 

Please reload

Our Recent Posts

Ein Rückblick auf den Alltag - Teil 2: Der Alltag eines Assistenzlehrers in Gunjur

July 27, 2019

Time to say goodbye - ein Rückblick auf den Alltag - Teil 1

July 10, 2019

VolNet Marathon Gunjur - Newspaper Article (Englisch)

July 4, 2019

1/1
Please reload

Tags

Please reload

This site was designed with the
.com
website builder. Create your website today.
Start Now