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Ein Rückblick auf den Alltag - Teil 2: Der Alltag eines Assistenzlehrers in Gunjur

July 27, 2019

Nun bin ich schon seit etwas mehr als zwei Wochen zurück in Deutschland. Ich muss eingestehen, dass es ein kleiner Kulturschock war. 40 Grad Celsius waren es auch in Gambia an den wärmsten Tagen nicht. ;)

Aber nicht nur das Wetter war ein Kulturschock, sondern auch die komplette Umgebung. Warum das so ist, möchte ich euch mal näher erläutern.

In diesem Eintrag wird es hauptsächlich um meinen Alltag in der Schule gehen.

 Meine Schule: Die Upper Basic School in Gunjur

 

10 Monate lang habe ich in der Upper Basic School in Gunjur einen Lehrer namens Malang Sanyang in Social Environmental Studies (kurz: S.E.S.) unterstützt. In Deutschland ist es am ehesten mit Sachkundeunterricht zu vergleichen. Die Themen sind ein breiter Mix aus Geschichte, Erdkunde, Sozialwissenschaften, Politik und Gesundheitslehre.  Ich habe zusammen mit Mr. Sanyang, der bereits seit mehr als 16 Jahren an der UBS in Gunjur unterrichtet und nach der Schule täglich ein Bustaxi zwischen Kartong und Gunjur fährt, in insgesamt fünf Klassen im neunten Jahrgang unterrichtet.

 Ich mit Mr. Sanyang vor einem Klassenraum der Upper Basic School in Gunjur 

 

Das Schulsystem ist aufgrund der Kolonialisierung Gambias durch Großbritannien bis 1965 immer noch britisch geprägt. Das heißt, es gibt eine Vor- und Grundschule von der ersten bis zur sechsten Klasse. Danach gehen die Schülerinnen und Schüler auf eine weiterführende Schule (Upper Basic School), die von der siebten bis zur neunten Klasse reicht und anschließend eine Secondary School für die zehnte bis zwölfte Klasse. Danach ist ein Wechsel auf die Universität möglich. In Gambia gibt es eine in Serekunda mit einer Außenstelle in Brikama. Allerdings ist es für die meisten sehr schwierig, an der Universität angenommen zu werden und versuchen stattdessen ihr Geld in einem Job zu verdienen.

 

Zurück zur Upper Basic School in Gunjur: Wöchentlich hat es vier Unterrichtsstunden von jedem Fach gegeben. Eine Unterrichtsstunde ist 35 Minuten lang. Pro Tag gibt es von Montag bis Freitag für die Vormittagsgruppe von 8.20 Uhr bis 13.25 Uhr 8 Unterrichtsstunden, in die eine 25 minütige Pause zwischen der fünften und sechsten Unterrichtsstunde eingebettet ist. Die Nachmittagsgruppe hat anschließend im selben Schema von 13.30 Uhr bis 18.35 Uhr Unterricht. Ich war allerdings nur in der Vormittagsgruppe tätig.

 

Eine Woche hat montags stets mit der Assembly begonnen. Alle Schülerinnen und Schüler versammeln sich vor dem Büro des Schulleiters Mr. Jobe. Nachdem jeweils ein Gebet von einem islamischen und christlichen Lehrer gesprochen wurde, haben die Schülerinnen und Schüler die gambische Nationalhymne gesungen. Für mich war das jedes Mal ein Moment, wo ich irgendwie ein wenig demütig geworden bin.

Hier ein Foto von der Assembly. Die Mädchen standen aller im vorne, die Jungs hinten. Die Lehrer hatten neben dem Schulleiter (hier nicht im Bild) eigene Sitzplätze. Schüler, die zu spät kamen, mussten neben dem Schulleiter stehen. Wie zu erkennen ist, müssen die Schüler Schuluniform tragen. Die Mädchen müssen zudem noch ein Kopftuch tragen.

 

Anschließend wurden hin und wieder mal Schüler für besondere Leistungen (z.B. Erfolg bei einem nationalen Sport- oder Kunstwettbewerb) geehrt oder sie haben einen Sketch in französischer Sprache oder eine anderweitige Darstellung vorgetragen.

 

Bestandteil jeder Assembly war aber ein Art Impulsvortrag von einem Lehrer oder dem Schulleiter, worauf die Schüler in der Schule oder im Alltag besonders zu achten haben. So ging es etwa oft um die Lernmoral oder um das Verhalten gegenüber älteren Leuten. Geschlossen wurde die Assembly mit Terminkündigungen für die kommende Woche.

 

Ich hatte danach immer eine Freistunde, die ich dazu genutzt habe, um mit den Lehrern, die ebenfalls in meinem Raum saßen, zu frühstücken. Wir haben dazu Tee mit einem Wasserkocher gemacht und uns je ein Tapalapa mit Spaghetti oder Bohnen von der Verkäuferin am nahegelegenen Highway geholt. So ein Frühstück habe ich in Deutschland im Übrigen noch nie gesehen… Schade eigentlich, denn es ist verdammt lecker und gut für die Konzentration.

 Das sind die Lehrer aus dem Büro, wo ich die Pausen und Freistunden verbracht habe.

 

Nach dem Frühstück ging es weiter mit einer Doppelstunde im Klassenzimmer direkt neben unserem Lehrerraum. Für mich war das dann immer die Gelegenheit, mich mit dem neuen Thema der Woche vertraut zu machen. Denn es war so, dass wir pro Woche meist ein bis zwei Texte, die an die Tafel geschrieben wurden, erklärt haben. In dieser besagten Doppelstunde hat das meist Mr. Sanyang gemacht, da es manchmal sehr gambiaspezifisch war. Ich habe mir den Text an der Tafel dann auch immer abgeschrieben und mir noch Notizen gemacht, was er später, nachdem alle den Text abgeschrieben hatten, dazu erklärt hatte.

 Mr. Sanyang erklärt hier gerade ein Thema den Schülern. (Foto aus Mai 2019)

 

Ich habe in den anderen Klassen dann meist die Texte an die Tafel geschrieben und öfters auch erklärt. Zu manchen Themen hatte ich jedoch eine ziemlich geringe Sachkenntnis, sodass Mr. Sanyang diese dann erklärt hat. Besonders, wenn es um Gesundheitslehre ging.

 

Hier erkläre ich den Schülern gerade etwas über den Atlantic Slave Trade.

 

Im Laufe des Jahres hatten wir folgende Themen:

The Gambia – Land, Location, Size, Belief in the Gambia, Drainage System, Weather and Climate, Maps, The Solar System – Planet Earth, Longitude, Latitude lines, other planets, Population issues – sex structure, age structures, disadvantages, Health Issues – Malaria, HIV, STI’s, Tubercolosis, Drugs etc., Female Genital Multrition, The Coming oft the Europeans, Scramble and Partition of Africa, Colonialism, Slavery and the Slavery time, The Atlantic Slave Trade, Organs of the Government, Citizenship, Political Parties, The Electorial System, Communication and Development.

 

Wenn ihr von einem (oder mehreren) obengenanntem Thema die Texte, die die Schüler bekommen haben, mal sehen wollt, könnt ihr mich gerne mal anschreiben und ich schicke sie euch dann zu.

 

Im Folgenden habe ich mal beispielhaft die Texte zu der Unterrichtseinheit The Atlantic Slave Trade aufgelistet. 

 

Erster Text: The Atlantic Slave Trade

 

It was the trade in humans across the Atlantic Ocean. This trade began around 15th to 16th century. It was also called illigal trade. This trade became popular when slaves were transported from Africa to the New World (America) to work on gold mines and farm lands.

 

Definition of Slavery

This is an act of seizing people’s right and put them in a condition belong their aishes.

 

Why the Triangular Slave Trade?

The Atlantic Slave Trade was also called Triangular Slave Trade. The trade took the form of a triangle.

Definition Voyage: Voyage means journey in the slave trade.

 

Examples:

  •  The first Voyage: was from Europe to Africa, where manufracted goods were transported for exchange.

  • The second Voyage: was from Africa across the Atlantic Ocean to the New World. Slaves were transported to work on farm lands.

=> This Voyage is called the „Middle Passage“, because it was the most difficult journey, where many slaves died of hunger and diseases.

  • The third Voyage: was from the New World to Europe, where raw materials from the farm lands were transported to be manufractured.

Die Schüler haben ein Schaubild von der Tafel abgezeichnet, welches ich hier grafisch leider nicht abgebildet bekomme. Daher habe ich hier ein anderes Schaubild  mit derselben Bedeutung aus dem Kunta Kinteh Museum in Juffure eingefügt.

 

Zweiter Text: Abolition or Suppression of the Atlantic Slave Trade

 

These were some of the factors or reasons that led to the stopping of the triangular slave trade.

  • Britain was the first nation to abolish the slave trade in 1807.

  • Quakers were the first religious group to abolish the slave trade in 1774.

 

1) Economic Factors:

a) low price for sugar

b) low demand for slaves by farmers

c) African slave dealers charged high prices

d) invention of machines (Industrialisation)

e) legitimate trade introduced

 

2) Political Factors:

a) Parliament in Britain passed a law in 1807

b) campaign by Politicans

c) campaign by former slaves like Equano and Gugoano

 

3) Religious Factors:

a) Religious groups around the world preached against it

b) Quakers stopped followed by Catholics then Wesleyans etc.

 

4) Social Factors:

The trade was critised by Humanitarians like:

Adam Smith, Lord Mansfield, William Wiberforce, Thomas Clerkson, Granville Sharp etc.

=> James Summerset was the slave freed by Lord Mansfield in a law court in Britain.

 

Advantages oft he Abolition on the Gambia:

1) Barthust and McCarthy were used to settle the freed slaves from Freetown

2) It led to the coming of Akutribe

3) Christianity introduced

4) Some cash cropes introduced

5) legitimate trade replaced the slave trade

6) western education introduced

 

Disadvantages oft he Atlantic Slave Trade:

1) Millions of Africans misplaced

2) Many loss their lives

3) Reduced African population

4) It led to misstrust among Africans

 

Repatriation of free slaves:

When the slave trade was abolished in the USA and Europe, many slaves were sent or repatriate to Africa.

Example:

  • Free slaves from the UK and Europe were sent to Sierra Leone

  • Some from Freetown were sent to Barthust and McCarthy

  • Slaves from the USA were sent to Liberia and they were called „the Maroons“.

 

Liberated Africans or recaptives

They were captured twice. That is, slaves captured in the high sea and set free during the abolition.

 

Das war jetzt mal ein kurzer Auszug aus dem, was ich so an die Tafel geschrieben habe. Wie ihr seht, ist der Unterricht ausschließlich in Englisch. Wenn ein Begriff unklar war, hat Mr. Sanyang es dann auch manchmal in Mandinka (Regionalsprache, die in Gunjur jeder versteht) erklärt.

 

Eine der Herausforderungen war es, den gesamten Text auf die Tafel zu bekommen. Denn ich musste den Schülern ja ebendiesen Text später auch noch erklären. Da ist es doch schon hilfreich, wenn der Text noch an der Tafel steht… und eine weitere Herausforderung war es, klar und deutlich und sauber zu schreiben. Wer schonmal einen langen Text an die Tafel geschrieben hat, weiß, dass das nicht immer einfach ist! Ich hatte da einige Anfängerschwierigkeiten und hatte zum Schluss eine recht leserliche Tafelschrift.

 

Ihr fragt euch sicherlich auch noch, wie viele Schülerinnen und Schüler in einer Klasse waren, weil es ja so gewisse Vorurteile gibt. Bei mir an der Schule, die im Übrigen mit insgesamt 1100 Schülern eine der größeren in Gambia ist, sind in einer Klasse meist um die 35 Schüler. Manchmal waren aber auch mal 2 Klassen gleichzeitig in einem Raum (ja, alle hatten am Ende tatsächlich einen Sitzplatz!), weil hin und wieder mal Stunden ausfallen und kein Vertretungslehrer verfügbar ist.

 

Hier mal ein Klassenfoto mit einer der Klassen, in denen ich unterrichtet habe.

Zum Ende jedes Quartals wurde in jedem Fach (auch Sport und Hauswirtschaft!) ein Exam geschrieben. In den beiden Wochen, wo diese ganzen Exams geschrieben wurden, fand kein regulärer Unterricht statt. Stattdessen wurden pro Tag je zwei Exams über eine bis anderthalb Stunden geschrieben. Es konnten alle Themen aus dem vergangenen Quartal drankommen. Diese Exams bestehen meist aus einem praktischen und einem theoretischen Teil.

 

In S.E.S. mussten die Schüler im theoretischen Teil zum Beispiel eine Karte von Gambia mit den drei wichtigsten Städten, Inseln und Zuflüssen zeichnen.

 

Vor den beiden Exam-Wochen hatte ich viel Arbeit damit für mehrere Fächer aus mehreren Jahrgängen die ganzen Aufgaben (meist 50 Fragen mit je 4 Antwortmöglichkeiten und dazu noch 4-5 Theorieaufgaben oder –fragen) abzutippen. Nach den SES-Exams habe ich diese dann benotet und die Punktzahlen in eine Liste eingetragen. Zum Ende jedes Halbjahres wurden die Punktzahlen der Exams aus den beiden Quartalen zusammengerechnet und herauskam eine Prozentzahl mit den erreichten Punkten. Anhand dieser Prozentzahl wurde dann die Note vergeben. 0 war das schlechteste und 9 das beste. Wer unter 40% der Punkte erreicht hatte, hat das Fach in dem Jahr nicht bestanden und somit ein Defizit. Kommen zu viele Defizite zusammen, muss der Schüler das Schuljahr wiederholen. Die Mitarbeit in den Unterrichtsstunden wird nicht bewertet.

 

In S.E.S. haben im letzten Jahr etwa 75% der Schüler mindestens 40% der Punkte erreicht und somit bestanden.

 

 

Insgesamt habe ich in der Schule in den letzten zehn Monaten sehr viele Erkenntnisse gewonnen und viele Eindrücke mitgenommen. So ist die Art und Weise des Unterrichts eine ganz andere als ich sie aus Deutschland kannte; nicht nur inhaltlich, sondern auch, wie Dinge erklärt werden. Die ganzen Erfahrungen werden im weiteren Verlauf sicherlich noch sehr prägend sein.

 

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